Arbeitskreis Stadtzukünfte der Deutschen Gesellschaft für Geographie Protokoll über den Workshop am 28.11.2003 in Eschborn “Stadt in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit”

Die Bedeutung von Städten in Entwicklungsländern hat durch die Urbanisierung der Bevölkerung einerseits und die zunehmende Konzentration von Wirtschaftstätigkeiten in den Ballungsräumen andererseits in den letzten Jahren stark zugenommen. Damit einher geht jedoch auch die Konzentration von sozialen, ökonomischen und städtebaulichen Problemen in den Ballungsräumen. Die Planung, Gestaltung und Steuerung von nachhaltiger und partizipativer Stadtentwicklung ist eine der großen Aufgaben in den Entwicklungsländern geworden, der sich auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit stellt.

Vor diesem Hintergrund hat der “Arbeitskreis Stadtzukünfte” einen Workshop gemeinsam mit VertreterInnen der großen staatlichen Entwicklungsinstitutionen Deutschlands durchgeführt. Ziel war es, einen Austausch über die Erfahrungen in der Stadtentwicklung in Deutschland und im Ausland zu ermöglichen, sich wechselseitig einen Einblick in die Arbeit von Wissenschaft und Praxis zu gewähren, gemeinsame Zielsetzungen zu erkennen und gegebenenfalls Kontakte für gemeinsame Projekte zu knüpfen.

Anwesend waren neben den Mitgliedern des Arbeitskreises - der diesmal durch VertreterInnen der geographischen Entwicklungsforschung und -praxis ergänzt wurde - die ReferentInnen

  • Dr. Stefan Schmitz vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ)
  • Dr. Petra Stremplat-Platte als Vertreterin der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz)
  • sowie Michele Bauer und Gerd Juntermanns für die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Kurzreferate zur Vorstellung der wissenschaftlichen Arbeit über Städte in Entwicklungsländern hielten Prof. Dr. Frauke Kraas, PD Dr. Beate Lohnert und PD Dr. Rainer Wehrhahn. Veranstaltungsort war der Hauptsitz der gtz in Eschborn.

Im ersten Teil der Veranstaltung stellten die VertreterInnen der Entwicklungspraxis ihre Arbeit im Bereich der Stadtentwicklung vor. Zunächst gab Dr. Stefan Schmitz einen Überblick über Aufgaben und Tätigkeiten des BMZ. Innerhalb der durch das BMZ vertretenen Entwicklungszusammenarbeit ist eine stärkere Orientierung zu urbanen Themen zu beobachten, wobei insbesondere die Integration von städtischen und ländlichen Problematiken und Strategien an Bedeutung gewinnt.

Anschließend erläuterte Dr. Petra Stramplat-Platte die Arbeit der gtz im Bereich der Stadtentwicklung, die vor allem durch das “Kompetenzfeld Regionalisierung, Dezentralisierung und Kommunale Selbstverwaltung” getragen wird. Dieser Arbeitsbereich konzentriert seine Tätigkeit vor allem auf die folgenden Themen:

  • nachhaltige Stadtentwicklung,
  • Demokratie, Zivilgesellschaft und öffentliche Verwaltung,
  • Wirtschaftsreform und Aufbau der Marktwirtschaft,
  • ländliche Entwicklung & Management natürlicher Ressourcen.

In diesen Bereichen übernimmt die gtz im Auftrag des BMZ Politikberatung in der Kommunal- und Stadtentwicklung und betreibt die Förderung der Kommunalentwicklung.

Zu den Funktionen des Kompetenzfeldes gehören unter anderem die Beratung bei Prüfung, Durchführung und Evaluation von Vorhaben sowie die Kooperation mit verschiedenen Trägern der Entwicklungszusammenarbeit. Hierbei stellt es eine Schnittstelle zur internationalen Fachwelt dar, betreibt Facharbeitskreise mit der Consultingwirtschaft und vergibt auch Aufträge an Unterauftragnehmer.

Die MitarbeiterInnen des Kompetenzfeldes sind um die Einbeziehung des deutschen kommunalen Know-How in die Entwicklungszusammenarbeit bemüht, z.B. über einen Erfahrungsaustausch im Bereich der städtischen Armutsbekämpfung oder über die Förderung von Städtepartnerschaften. Zudem steht allen Beteiligten mit der Wissensplattform “Urbanet” ein web- basiertes Netzwerk zu den relevanten Themen zur Verfügung. Darüber hinaus ist das Kompetenzfeld in eine Reihe von internationalen Kooperationen und Institutionen eingebunden. Als Zukunftsthemen werden insbesondere die Neugestaltung von Kompetenzen (z.B. über Multigeberansätze und Programmbildung), die Ausweitung von institutionellen Partnerschaften und die Analyse von Märkten angesehen.

In der anschließenden Diskussion standen zwei Themen im Vordergrund: einerseits die Bedeutung der Neugestaltung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit für die Arbeit in der Stadtentwicklung, andererseits eine engere Verknüpfung der Tätigkeiten der gtz und der universitären Forschung.

Zur Neugestaltung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit: Im Vordergrund der deutschen Entwicklungszusammenarbeit stehen seit einigen Jahren nicht mehr konkrete Projekte, sondern die Veränderung der sozialen Rahmenbedingungen in den Entwicklungsländern, insbesondere die Armutsbekämpfung und die Förderung der untersten Ebene. Gleichzeitig hat das BMZ das bisherige “Gießkannenprinzip” der Mittelvergabe aufgegeben und elf Förderungsschwerpunkte entwickelt, unter denen die Stadtentwicklung nicht als eigener Bereich vertreten ist. Dies wurde von Dr. Petra Stremplat-Platte jedoch positiv bewertet, da sich so die Möglichkeit ergibt, urbane Anliegen als Querschnittsthemen in verschiedene Schwerpunkte einzubringen und so ein breites, wenig begrenztes Feld an städtischen Problembereichen zu bearbeiten.

Zur Verknüpfung der Tätigkeit der gtz und der universitären Forschung: Die Zusammenarbeit der gtz mit der Wissenschaft erfolgt zur Zeit wenig institutionalisiert, lediglich punktuell über die Vergabe von Gutachten. Eine kontinuierlichere Kooperation, die nach Meinung der gtz-Vertreterin einer stärkeren Themenorientierung folgen müsste, ist bisher nicht angedacht. Ein Anknüpfung scheint ihr am ehesten in der Weiterentwicklung von Instrumenten sinnvoll. Gleichzeitig ist nach Ansicht der VertreterInnen von KfW und BMZ denkbar, dass die Forschung sich stärker in das Monitoring und die Evaluation der Entwicklungszusammenarbeit einbringt und ein “Frühwarnsystem” für die Wirkungen von Maßnahmen entwickelt.

Der nächste Vortrag befasste sich mit der Stadtentwicklung in der Finanziellen Zusammenarbeit. Gerd Juntermanns und Michele Bauer erläuterten zunächst den Aufbau und die Aufgaben der KfW-Bankengruppe, die schwerpunktmäßig der Förderung der deutschen Wirtschaft dient, aber auch Kredite für öffentliche und private Investitionen in Entwicklungsländern zur Verfügung stellt. In diesen Ländern gehören neben der Finanzierung eine qualifizierte projektgebundene Beratung sowie Leistungen in Aus- und Weiterbildung zum Angebotsspektrum der KfW. Inhaltliche Schwerpunkte liegen auf

  • der sozialen Infrastruktur
  • der wirtschaftlichen Infrastruktur, der Finanzsektorförderung
  • und dem Umwelt- und Ressourcenschutz.

Im Bereich der Stadtentwicklung sind die Ziele insbesondere die Armutsminderung sowie die Demokratisierung. Zu diesem Zweck wird kommunale Infrastruktur bereitgestellt, der Wohnungsbau gefördert, die wirtschaftliche Entwicklung der Städte unterstützt und es werden Finanzierungssysteme für Städte erarbeitet. Dabei werden interkommunale Zusammenarbeit sowie gute Regierungsführung und Partizipation bei allen Maßnahmen - soweit möglich - zugrunde gelegt. Als Beispiele für die Arbeit der KfW in der städtischen Entwicklungszusammenarbeit führten die ReferentInnen den Aufbau eines Stadtentwicklungsfonds in Äthiopien sowie ein Projekt zur Gewaltprävention in städtischen Armenvierteln in Südafrika an.

Auf diesen Vortrag folgten vor allem Nachfragen zum konkreten Vorgehen der KfW in den Beispielprojekten, aber auch generell in der Planung und Gestaltung von Fördermaßnahmen. Dazu wurde erläutert, dass Projektideen in der Regel in den betroffenen Städten entwickelt und dann von den Partnerländern beantragt werden. Sollten sie dann in die Rahmenplanung aufgenommen und in Regierungsverhandlungen zugesagt werden, kommt es zu einem prüffähigen Projektvorschlag, der schließlich durch die technische Zusammenarbeit, z.B. die gtz, umgesetzt werden kann. Beratungsleistung kauft sich die KfW in der Regel extern über Gutachter und Consultingunternehmen ein, die sich auf die öffentlichen Ausschreibungen bewerben. In der Vorbereitung und Durchführung von Projekten wird ein besonderer Schwerpunkt auf die Beteiligung von betroffenen Bürgern vor Ort gelegt, später dann auch auf die Einbeziehung der lokalen Verwaltung und Techniker. Durch diese Zusammenführung unterschiedlicher Perspektiven wird der Prozess (im Gegensatz zu den konkreten Resultaten) betont, der von den KfW-VertreterInnen als wichtigstes Ergebnis der finanzierten Projekte angesehen wird. Das Entwicklungsverständnis der KfW beruht auf den von den Vereinten Nationen festgelegten “Millenium Development Goals”.

In einem zweiten Teil der Veranstaltung stellten VertreterInnen der geographischen Entwicklungsforschung aktuelle Forschungsbereiche in Städten der Dritten Welt vor. Prof. Dr. Frauke Kraas fasste den aktuellen Stand in den asiatischen Ländern zusammen. Hier finden seit den 1980er Jahren tiefgreifende Urbanisierungsprozesse mit Stadtexpansion, massivem Infrastrukturausbau, ausgeprägten Globalisierung- und Migrationsprozessen, wachsenden sozioökonomischen Disparitäten sowie sozialen Polarisierungs- und Verdrängungsprozessen statt. Besondere Aufmerksamkeit erfordern die Megastädte. Kaum untersucht wurden bisher Fragen der innerurbanen Transformationsprozesse, Landnutzungsfragmentierung, Leerstände durch Überkapazitäten und der Bedeutungszunahme (mega)urbaner gegenüber nationaler Ökonomien, ferner der identitätsfördernden Stadtsanierung, futuristischen Cityerweiterungen, (sub)urbanen Landwirtschaft sowie soziokulturell eingebetteten Vertiefung von Partizipation gemäß den Prinzipien nachhaltiger Stadtentwicklung.

PD Dr. Beate Lohnert stellte demgegenüber die grundlegend andere Situation in den Ländern Afrikas südlich der Sahara dar. Hier verläuft die Urbanisierung wesentlich gebremster, es kommt nicht zur Entstehung von Megacities. Von besonderem Interesse ist vielmehr das Stadt-Land-Verhältnis, das von den komplexen Wanderungsformen, die im subsaharischen Afrika auftreten, bestimmt ist. Die Dominanz von saisonalen und zirkulären Migrationsformen führt zu einer wesentlichen geringeren Identifikation mit dem Stadtraum und zu differenzierten Erwartungen an die urbane Umgebung. Dementsprechend verschieben sich auch die Forschungsinteressen auf diese speziellen Ansiedlungs- und Migrationsformen mit ihren spezifischen sozialen und materiellen Auswirkungen und Anforderungen.

PD Dr. Rainer Wehrhahn ergänzte schließlich das Bild um die Situation in Lateinamerika. Auch hier stellt das rapide Städtewachstum eine Herausforderung dar, wobei mittlerweile nicht mehr allein die großen Metropolen und Megastädte, sondern auch Mittel- und Kleinstädte von Globalisierungseffekten und regionalen Restrukturierungsprozessen betroffen sind. Sie führen zu einer zunehmenden Informalisierung der Stadtentwicklung und zu vielfältigen Fragmentierungen, welche die wachsenden sozialen Polarisierungen räumlich widerspiegeln. Gleichzeitig werden alternative Entwicklungsstrategien entworfen, wobei insbesondere das Leitbild der nachhaltigen Stadtentwicklung an Bedeutung gewinnt. Forschungsbedarf besteht insbesondere hinsichtlich des Verhältnisses von formellen zu informellen Bodenmärkten, zu partizipativen Elementen innerhalb von Planungs- und Entscheidungsabläufen sowie zum urbanen Flächenmanagement unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit und der Risikovermeidung.

In den Diskussionen, die sich an diese Kurzreferate anschlossen, wurde zunächst einmal die Kooperation von deutschen Wissenschaftlern mit lokalen Einrichtungen in den Entwicklungsländern kritisch betrachtet. Zum einen wurde das Bestehen einer Lücke zwischen der deutschen universitären Wissenschaft und der lokalen Forschung problematisiert. Zum anderen wurde eine mangelnde Kooperation der europäischen ForscherInnen untereinander konstatiert. Auch die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung in Forschungsprojekte erfolgt nach Ansicht einiger DiskussionsteilnehmerInnen unzureichend. Zudem werden die Forschungsergebnisse den betroffenen Länder und Regionen nicht immer im wünschenswerten Umfang zur Verfügung gestellt. Ein “Empowerment durch Ideenübertragung” (Kraas) findet dadurch nur unzureichend statt. Als eine Ursache dafür wurde der Mangel an Finanzierungsmöglichkeiten für eine solche Untersuchungsnachphase benannt.

Zum anderen ging es in der Diskussion wiederum um die Möglichkeiten einer stärkeren Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis, vor allem im Bereich der angewandten Forschung. Themenbereiche, in denen sich die PraktikerInnen von gtz und BMZ einen stärkeren Input aus der Forschung wünschen, sind die Möglichkeiten der Integration der Armutsschichten in die städtische Wirtschaft, das Problem der Informalität sowie Überblicksarbeiten über einzelne Themenbereiche.

Ein weitergehender persönlicher und intensiverer Austausch fand beim abschließenden Abendessen in der Frankfurter Innenstadt statt. Der Workshop kann als erste Annäherung zwischen in Deutschland tätigen StadtplanerInnen, der geographischen Forschung und der deutschen Entwicklungszusammenarbeit im Bereich der Stadtentwicklung verstanden werden. Es wurden die wechselseitigen Kompetenzen und Arbeitsfelder erläutert, Erwartungen ausgesprochen und Themenbereiche angesprochen, in denen eine stärkere Kooperation sinnvoll sein könnte.

Astrid Seckelmann
(Geographisches Institut der Ruhr-Universität Bochum)